Jim Farley, Vorstandsvorsitzender von Ford, hält Europas Reaktion auf den Aufstieg chinesischer Autobauer für zu langsam. Auf dem Automotive News Congress am 29. September bezeichnete er Europa als Warnung für die Vereinigten Staaten. Nach seiner Einschätzung können die USA noch entscheiden, wie chinesische Marken Zugang zum Markt erhalten und wie stark die heimische Industrie geschützt werden soll.
Farley forderte kein sofortiges Verbot chinesischer Autos in den USA. Er sprach sich für einen langsameren und sorgfältigeren Prozess aus, als er ihn in Europa beobachtet. Ford verfolgt dabei zwei scheinbar unterschiedliche Ansätze: eine Partnerschaft mit Geely für die Produktion in Valencia und eigene Investitionen in eine bezahlbare Elektroplattform sowie einen neuen Elektro-Pick-up aus Kentucky.
Europa als Beispiel für Washington
Nach der Darstellung von Motor1 sagte Farley, Europa habe zu lange gewartet. Chinesische Marken waren 2020 in Europa noch wenig präsent, gewannen aber besonders bei Elektroautos Marktanteile hinzu. BYD, Geely und weitere chinesische Unternehmen treten inzwischen mit Preisen, Software, kurzen Entwicklungszeiten und umfangreicher Ausstattung gegen etablierte Marken an.
Farley behauptete nicht, dass alle chinesischen Hersteller dieselbe Qualität oder Strategie hätten. Sein Argument betrifft vor allem den Zeitpunkt der Reaktion. Hersteller und Politik hatten mehrere Jahre, um sich vorzubereiten. Sobald ein Wettbewerber jedoch Produkte, Lieferanten, Daten und Vertriebsnetze aufgebaut hat, wird ein später Gegenangriff schwieriger.
Auch die europäische Handelspolitik gehört zu diesem Zusammenhang. Die Europäische Union führte nach einer 2023 begonnenen Untersuchung zusätzliche Abgaben auf bestimmte in China gefertigte Elektroautos ein. Das verändert die Kosten direkter Importe, beseitigt aber den Wettbewerb nicht. Ein Hersteller kann Fahrzeuge in Europa bauen, eine Gemeinschaftsunternehmen gründen oder vorhandene Werkskapazitäten nutzen.
Fords Europa-Pläne zeigen diese Entwicklung. China ist für das Unternehmen nicht nur ein weit entfernter Wettbewerber, sondern auch ein Druckfaktor bei Kosten, Software und Fertigungsgeschwindigkeit. Ford sucht deshalb Partner und effizientere industrielle Strukturen, um Fahrzeuge zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten zu können.
Ford und Geely planen ein Werk in Valencia
Ford und Geely kündigten im Juli 2026 eine Vereinbarung für ein Gemeinschaftsunternehmen im Ford-Werk Valencia in Spanien an. Das Vorhaben muss noch regulatorisch genehmigt werden. Bei einer Freigabe soll die Gesellschaft in der ersten Hälfte des Jahres 2027 starten; die ersten neuen Fahrzeuge sind für 2028 vorgesehen.
Geplant sind Ford- und Geely-Modelle für den europäischen Markt. Ford nennt einen neuen Multi-Energie-Crossover, ein weiteres Mitglied der Bronco-Familie und zwei elektrische Geely-SUVs. Die Produktion des Ford Kuga soll weiterlaufen. Das Werk besitzt eine potenzielle Jahreskapazität von rund 500.000 Fahrzeugen. Ford soll 66 Prozent und Geely Auto 34 Prozent der gemeinsamen Gesellschaft halten.
Ford beschreibt den Plan nicht als vollständige Übergabe der Produktkontrolle. Der neue Familien-Crossover wird von Ford gestaltet und gemeinsam mit Geely entwickelt. Ford will dabei seine Fahrdynamik und Markenidentität einbringen. Für Geely bietet Valencia eine europäische Produktionsbasis und einen direkteren Zugang zu Kunden, Lieferanten, Vorschriften und Servicenetzen.
Die Beziehung hat eine Vorgeschichte. Ford verkaufte Volvo Cars 2010 an Geely und beobachtete danach die Investitionen des chinesischen Konzerns in die schwedische Marke. Ford spricht von Vertrauen und Respekt, der industrielle Zweck ist aber klar: das Werk besser auszulasten, Entwicklungskosten zu teilen und am neuen globalen Kostenniveau teilzunehmen.
Fords eigener elektrischer Gegenentwurf
Farley setzt nicht nur auf Partnerschaften. Ford entwickelt die Universal EV Platform für eine Familie bezahlbarer, softwaredefinierter Elektrofahrzeuge. Das erste Modell soll ein mittelgroßer Elektro-Pick-up mit vier Türen werden. Die Montage ist ab 2027 im Louisville Assembly Plant in Kentucky vorgesehen.
Ford will rund 5 Milliarden US-Dollar in Plattform, Produktionssystem und Batterien investieren. Das Programm soll fast 4.000 Arbeitsplätze im Louisville Assembly Plant und im BlueOval Battery Park Michigan schaffen oder sichern. Prismenförmige LFP-Batterien ohne Kobalt und Nickel sollen die Kosten und die Abhängigkeit von bestimmten Rohstoffen reduzieren.
Der Pick-up heißt Ford Fathom. Für einen vollständigen Vergleich mit chinesischen Elektro-Pick-ups fehlen noch Angaben zu Reichweite je Version, Leistung, Anhängelast, endgültigem Preis und Lieferzeiten in den einzelnen Märkten. Ford nennt 2027 als Startjahr und sieht das Fahrzeug für die USA und Exportmärkte vor.
Die Universal EV Platform betrifft außerdem die Produktion. Ford will mit Unterbaugruppen und weniger Teilen arbeiten, um Montagezeit und Kosten zu senken. Ein Elektrofahrzeug soll dadurch preislich näher an ein konventionelles Auto rücken. Genau bei Kosten und Produktionsgeschwindigkeit sehen viele Beobachter einen Vorteil chinesischer Hersteller.
Die USA haben noch eine Entscheidung vor sich
In den USA treffen in China gebaute Elektrofahrzeuge bereits auf hohe Zölle und Vorgaben für Batterien und Komponenten. Motor1 verweist außerdem auf politische Diskussionen über chinesische Investitionen in die amerikanische Autoindustrie. Farley forderte nicht, die bestehenden Hindernisse zu beseitigen. Er will die Optionen prüfen, bevor der Marktzugang unter Zeitdruck entschieden wird.
Ein stärker geöffneter Markt könnte niedrigere Preise bringen und etablierte Hersteller zu Verbesserungen zwingen. Gleichzeitig entstünden Fragen zu Daten vernetzter Autos, Softwarekontrolle, Lieferketten und staatlicher Unterstützung. Ein vollständiges Verbot würde bestehende Hersteller schützen, aber den Druck auf Preise und Technik reduzieren. Farleys Position ist daher eher ein Plädoyer für die Abwägung dieser Zielkonflikte als für eine einfache Lösung.
Ford zeigt den Widerspruch in den eigenen Entscheidungen. In Europa arbeitet der Konzern mit Geely zusammen, um ein bestehendes Werk besser auszulasten und neue Produkte schneller zu bringen. In den USA investiert Ford in eigene Plattformen, lokale Montage und Batterien. Beides kann nebeneinander funktionieren, zeigt aber den Druck auf einen traditionellen Hersteller, gleichzeitig bei Technik, Kosten und Geschwindigkeit konkurrenzfähig zu sein.
Bedeutung für europäische Käufer
Für Kunden in Europa ist nicht nur das Herkunftsland der Marke relevant. Sie achten auch auf den Produktionsstandort, die Kontrolle über Software, Garantiebedingungen, Servicenetz und Ersatzteilversorgung. Ein in Spanien gebautes Auto kann Komponenten aus mehreren Ländern verwenden, während eine europäische Marke auf asiatische Zulieferer angewiesen sein kann.
Ford und Geely haben noch keine Preise für die künftigen Valencia-Modelle veröffentlicht. Ebenso ist nicht bestätigt, dass jedes geplante Fahrzeug in allen europäischen Ländern verkauft wird oder dass die deutsche Ausführung der rumänischen oder spanischen entspricht. Bestätigt sind bisher das geplante Gemeinschaftsunternehmen, die Fahrzeugkategorien und der vorgesehene Zeitplan.
Jim Farleys Warnung beschreibt deshalb vor allem einen beschleunigten industriellen Wettbewerb. Ford erkennt den Druck aus China an und versucht, daraus einen zweigleisigen Plan zu machen: Zusammenarbeit, wenn Kosten und Geschwindigkeit entscheidend sind, sowie eigene Kontrolle, wenn Produkt und amerikanische Fertigung strategisch bleiben sollen. Ob das genügt, hängt von realen Preisen, Qualität, Software, Service und den Kunden ab.



