Nissan will mit künstlicher Intelligenz und digitalen Werkzeugen schneller zur endgültigen Gestaltung seiner Autos kommen. Der neue globale Designchef Matthew Weaver beschreibt im am 4. November veröffentlichten Interview mit Automotive News eine Halbierung der dafür benötigten Zeit. Gemeint ist die Arbeit am Fahrzeugstil, nicht die komplette Entwicklung bis zur Auslieferung eines fertig erprobten Serienautos.
Autoblog nennt in seinem Bericht über das Interview fünf Monate vom ersten Entwurf bis zur Festlegung des Designs. Diese Angabe beschreibt einen Meilenstein im Studio. Sie umfasst nicht automatisch die gesamte Konstruktion, Erprobung und Vorbereitung der Fertigung. Eine veröffentlichte Stichprobe vergleichbarer Programme, aus der sich ein Durchschnitt für die gesamte Nissan-Palette berechnen ließe, gehört nicht zu dieser Angabe.
Digitale Darstellung und schnellere Entscheidungen gehören zusammen
Nach dem Bericht von Autoblog kann Weaver einen Fahrzeugentwurf in realistisch wirkenden digitalen Filmsequenzen präsentieren, beispielsweise in einer Wüstenlandschaft. Die Entscheider sehen Proportionen und Charakter des Autos in einem vorgestellten Nutzungskontext. Das vermittelt den Vorschlag anders als eine einzelne Skizze oder eine ohne Umgebung dargestellte Oberfläche auf einem Bildschirm.
Der unmittelbare Nutzen betrifft die Wahl einer gestalterischen Richtung. Eine solche Sequenz misst weder die Festigkeit der Struktur noch die Bremsleistung oder die gleichbleibende Qualität der späteren Produktion. Sie unterstützt Präsentation und Erkundung eines Entwurfs. Eine technische Freigabe des dargestellten Fahrzeugs lässt sich aus der Glaubwürdigkeit des Bildes nicht ableiten; dafür beschreibt das Beispiel keine entsprechenden Messungen.
Der Bericht nennt außerdem vereinfachte interne Freigaben. Damit verändert sich die Organisation der Entscheidungen parallel zu den verfügbaren Softwarewerkzeugen. Wie viel Zeit die KI, andere digitale Anwendungen oder schnellere Entscheidungen der Führung jeweils einsparen, wird nicht getrennt beziffert. Das Ergebnis des veränderten Gesamtprozesses sollte deshalb nicht ausschließlich einem einzelnen Algorithmus zugeschrieben werden.
Die globale Designverantwortung wechselte im Oktober
Nissans Mitteilung vom 4. August bestätigt Weavers Ernennung zum Corporate Executive, Global Design mit Wirkung zum 1. Oktober 2026. Er berichtet direkt an Vorstandschef Ivan Espinosa. Weaver kam 2001 zu Nissan und wirkte an Qashqai, Juke und weiteren Projekten für Europa und Japan mit. Seine Erfahrung umfasst auch Infiniti, Partnerprojekte und Programme für leichte Nutzfahrzeuge.
Alfonso Albaisa gab die Funktion Anfang Oktober ab. Bis zum angekündigten Ruhestand am 31. Dezember 2026 bleibt er als Berater tätig. Nissan beschrieb eine gemeinsame Übergabe der Verantwortung bis zum Jahresende. Die aktuellen Aussagen zur KI fallen damit in Weavers erste Wochen an der Spitze der globalen Designorganisation, während die Übergangsphase mit seinem Vorgänger noch läuft.
Qashqai und Juke geben europäischen Lesern einen konkreten Bezugspunkt für Weavers bisherige Arbeit. Die Ernennungsmitteilung bestätigt seine Beteiligung. Sie veröffentlicht jedoch keine Liste zukünftiger Fahrzeuge, die bereits den nun berichteten Fünfmonatsprozess durchlaufen haben. Ebenso wenig enthält sie eine projektweise Prüfung der eingesparten Zeit oder einen Nachweis, dass derselbe Zeitraum für jedes künftige Modell gelten wird.
Yokohama Lab liefert ein anderes, dokumentiertes KI-Beispiel
Am 9. Juni 2023 beschrieb Nissan die Arbeit des Yokohama Lab in der japanischen Präfektur Kanagawa. Dort entwickelte ein Team ein Modell, das die aerodynamischen Eigenschaften einer neuen Fahrzeugform innerhalb von Sekunden vorhersagen konnte. Aufwendige Berechnungen hatten nach Darstellung des Unternehmens zuvor mehrere Tage beanspruchen können. Der Zweck war ein schnelleres Prüfen von Änderungen an der Karosserieform.
Aerodynamikingenieur Kei Akasaka wollte rascher reagieren können, wenn Designer die Geometrie änderten und deren Wirkung wissen wollten. Das Modell lernte Zusammenhänge zwischen der Fahrzeugform und den Ergebnissen von Simulationen. Es lieferte damit eine technische Vorhersage, um verschiedene Varianten in kürzeren Zyklen zu untersuchen. Das ist eine andere Aufgabe als die Erzeugung eines überzeugenden Bildes für eine Designpräsentation.
Vor dem schnelleren Ergebnis stand die Aufbereitung geeigneter Daten. Nach Angaben von Nissan waren viele ältere Simulationen gelöscht worden; das verbliebene Material eignete sich nicht für maschinelles Lernen. Datenwissenschaftlerin Chen Fangge erklärte, dass die Sammlung eines verwendbaren Bestands mehr als ein Jahr dauerte. Anschließend verband das Team die Informationen zur Fahrzeugform mit Strömungsgleichungen und weiteren physikalischen Gesetzmäßigkeiten.
Der Fall aus dem Jahr 2023 belegt einen bestimmten Forschungsablauf und die dort beschriebene Beschleunigung der Vorhersage. Er beweist keine Halbierung sämtlicher Nissan-Entwicklungsprogramme. Der Text identifiziert das Modell auch nicht als genau jenes Werkzeug, das hinter Weavers Aussagen vom November 2026 steht. Der jeweilige Aufgabenbereich und der Zeitpunkt bleiben für die Einordnung entscheidend.
Re:Nissan nennt andere Fristen für komplette Programme
Der am 13. Mai 2025 veröffentlichte Re:Nissan-Plan setzte Entwicklungsziele von 37 Monaten für das erste Fahrzeug einer Familie und 30 Monaten für nachfolgende Familienmodelle. Genannt wurden der neue Skyline, ein globales SUV des C-Segments und ein kompaktes Infiniti-SUV als Programme mit dem überarbeiteten Prozess. Diese Zeiträume reichen weiter als die Festlegung der äußeren Gestaltung.
Dasselbe Dokument sah vor, die Teilekomplexität um 70% zu reduzieren und die Zahl der Plattformen bis zum Geschäftsjahr 2035 von 13 auf sieben zu senken. Das sind Ziele des veröffentlichten Plans. Das aktuelle KI-Interview zeigt nicht, dass sie bereits vollständig erreicht wurden. Ebenso wenig lassen sich diese organisatorischen und technischen Veränderungen allein einem Designprogramm oder einem einzelnen Modell zuordnen.
Für Käufer in Deutschland legt die Designmeldung weder einen neuen Preis noch eine Ausstattung oder einen örtlichen Verkaufsstart eines bestimmten Nissan fest. Sie beschreibt, wie das Unternehmen nach eigener Darstellung früher zu gestalterischen Entscheidungen gelangt. Ob daraus ein konkretes Angebot beim Händler wird, lässt sich erst mit den Serienangaben und dem Marktstartplan des jeweiligen Fahrzeugs beurteilen.
Archivfoto: © Nissan, 2023 veröffentlicht; für die redaktionelle Nutzung in WebP umgewandelt. Bildquelle. Nutzungsbedingungen.



