Die Flügeltüren des Mercedes-Benz 300 SL waren eine konstruktive Antwort auf ein Platzproblem. Das Seriencoupé übernahm den Gitterrohrrahmen des Rennwagens 300 SL. Seine seitlichen Rohre reichten hoch neben den Innenraum und lagen dort, wo bei einem gewöhnlichen Coupé die Türen sitzen. Mercedes-Benz verlegte die Scharniere deshalb in Richtung Dach. Die auffällige Form war zuerst eine technische Notwendigkeit und erst danach ein Designmerkmal.

Der Rennwagen war der Ausgangspunkt

Mercedes-Benz stellte den 300 SL mit der internen Bezeichnung W 194 am 12. März 1952 vor. Die Marke kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg in den Motorsport zurück. Der neue Wagen war auf geringes Gewicht, eine aerodynamische Karosserie und einen steifen Rahmen ausgelegt. In der ersten Saison erreichte er laut Mercedes-Benz unter anderem Platz zwei und vier bei der Mille Miglia, einen Doppelsieg in Le Mans, einen Dreifachsieg in Bern, einen Vierfachsieg am Nürburgring und einen weiteren Doppelsieg bei der Carrera Panamericana.

Die Erfolge führten zur Idee eines Straßenwagens für Kunden. Max Hoffman, der US-Importeur von Mercedes-Benz, setzte sich für ein Serienmodell ein. Mercedes-Benz präsentierte das 300 SL Coupé W 198 im Februar 1954 in New York. Die Verbindung zum Rennwagen bestand nicht nur in der Linienführung. Der Serienwagen übernahm wichtige technische Grundsätze und damit auch die schwierige Frage, wie die Insassen in die Kabine gelangen sollten.

Der Rahmen ließ keine normale Tür zu

Der Spaceframe bestand aus verschweißten Rohren, die die Kräfte überwiegend durch Zug und Druck aufnehmen sollten. Für den Rennrahmen nennt Mercedes-Benz ein Gewicht von ungefähr 50 kg. Diese Konstruktion bot eine hohe Steifigkeit bei geringem Gewicht, verlangte aber seitliche Rahmenteile, die ungewöhnlich hoch neben dem Innenraum verliefen.

Eine herkömmliche Tür braucht eine senkrechte Öffnung in der Seitenwand und Platz, um nach außen zu schwenken. Beim 300 SL lagen dort die Rohre. Eine normale Tür hätte die Struktur gestört oder eine grundlegende Änderung des Rahmens verlangt. Die nach oben öffnende Tür umging die Rohre und ließ das Konstruktionsprinzip bestehen.

Das Mercedes-Benz Public Archive beschreibt diese Lösung ausdrücklich nicht als reinen Werbetrick. Die ungewöhnlichen Türen waren aus konstruktiver Sicht notwendig und stammten vom Rennwagen. Der englische Name „gullwing“ beschreibt die Silhouette der geöffneten Türen, nicht den ursprünglichen Entwicklungsauftrag.

Der breite Schweller blieb erhalten

Die Dach-Scharniere machten die Türöffnung möglich, beseitigten aber nicht jeden Nachteil. Der breite Schweller blieb ein Teil des Rahmens. Fahrer und Beifahrer mussten darüber steigen und sich anschließend tief auf den Sitz absenken. In einer Garage mit niedriger Decke konnte der Öffnungsweg begrenzt sein. Das Einsteigen war deshalb nicht in jeder Situation einfacher als bei einem konventionellen Coupé.

Für die Serienversion vergrößerte Mercedes-Benz die Türöffnungen gegenüber dem Rennwagen etwas. Die hohen Rahmenteile und der breite Schweller blieben jedoch bestehen. Der 300 SL war damit weiterhin ein Straßenfahrzeug, das aus einer Rennkonstruktion entwickelt worden war und deren praktische Kompromisse sichtbar mitführte.

Einspritzung und geringes Gewicht

Die Türen waren das auffälligste Detail, aber der W 198 hatte weitere technische Besonderheiten. Sein Reihensechszylinder verwendete eine mechanische Benzin-Direkteinspritzung. Mercedes-Benz bezeichnet den 300 SL als erstes Serienfahrzeug der Marke mit Einspritzung und nennt gegenüber der Rennversion mit Vergasern einen Leistungszuwachs von 40 PS.

Der Motor war geneigt eingebaut, damit die Frontpartie niedrig und strömungsgünstig ausfallen konnte. Mit Reserverad, Werkzeug und Kraftstoff wog das komplette Fahrzeug laut Mercedes-Benz Public Archive 1.295 kg. Je nach Hinterachsübersetzung lag die Höchstgeschwindigkeit zwischen 235 und 260 km/h. Das sind historische Herstellerangaben und keine aktuellen Messwerte von Carboratory.

Die Fertigung des Coupés begann im August 1954 und endete im Mai 1957 im Werk Sindelfingen. Mercedes-Benz baute 1.400 Fahrzeuge. 29 Exemplare erhielten eine Leichtmetallkarosserie, außerdem entstand ein Versuchsfahrzeug mit einer Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Die geringe Stückzahl erklärt die Seltenheit der erhaltenen Fahrzeuge; der Rahmen erklärt weiterhin ihre Türen.

Beim Roadster waren normale Türen möglich

Auf dem Genfer Automobilsalon im März 1957 zeigte Mercedes-Benz den 300 SL Roadster. Für ihn wurden die seitlichen Bereiche des Gitterrohrrahmens verändert und die Einstiegshöhe reduziert. Dadurch konnten normale Türen eingebaut werden. Der technische Vergleich ist eindeutig: Nachdem die Seitenstruktur geändert worden war, war die Dachbefestigung der Türen nicht mehr erforderlich.

Der Roadster erhielt außerdem eine überarbeitete Hinterradaufhängung. Coupé und Roadster blieben bis zum 8. Februar 1963 im Programm. An diesem Tag endete in Sindelfingen die Produktion des 300 SL und des 190 SL. Zugleich ging bei Mercedes-Benz die Zeit der Fahrzeuge mit separatem Rahmen zu Ende.

Eine technische Lösung wird zum Markenzeichen

Heute gelten die Türen des 300 SL meistens als Designentscheidung. Die Entwicklung verlief in umgekehrter Reihenfolge. Ein hoher, leichter und steifer Rahmen war vorgegeben; anschließend musste die Öffnung für den Innenraum dazu passen. Die praktische Lösung erzeugte eine so markante Silhouette, dass sie zum bekanntesten visuellen Merkmal des Fahrzeugs wurde.

Das Foto stammt von FotoSleuth und ist auf Wikimedia Commons unter der Lizenz Creative Commons Attribution 2.0 verfügbar. Es wurde für diesen Artikel verkleinert und in das WebP-Format umgewandelt.

Sources