Das Münchner Unternehmen DeepDrive meldet eine Nominierung für die Serienproduktion eines Elektroantriebs durch einen globalen Fahrzeughersteller. Der Produktionsstart ist für 2028 geplant. DeepDrive nennt jedoch weder den Kunden noch das Fahrzeug, die Plattform, die Stückzahl oder den Wert des Auftrags.
Die Meldung beschreibt deshalb einen industriellen Schritt und nicht die Vorstellung eines neuen Autos. Für DeepDrive geht es um den Übergang von der Technologievalidierung zu einem Programm für hohe Stückzahlen. Eine Nominierung bedeutet aber noch nicht, dass ein Motor in einem bereits angekündigten Serienfahrzeug eingebaut wird. Viele technische und industrielle Details bleiben offen.
Die Doppelrotor-Radialfluss-Technik
Die Kerntechnologie ist eine patentierte Dual-Rotor-Radial-Flux-Maschine. Bei einem klassischen Elektromotor befindet sich meist ein Rotor im Inneren des Stators. Bei DeepDrive liegt der Stator zwischen einem inneren und einem äußeren Rotor. Das Unternehmen erklärt, diese Anordnung könne hohe Drehmomentdichte mit weniger Gewicht, geringeren Kosten und reduziertem Materialeinsatz verbinden.
Ein Elektromotor erzeugt Drehmoment aus dem Zusammenspiel magnetischer Felder in Stator und Rotor. Die Topologie beeinflusst Verluste, Kühlung, aktive Materialien, Bauraum und Einbaumöglichkeiten. Die von DeepDrive genannten Vorteile bei Effizienz, Gewicht und Kosten sind Unternehmensangaben, solange keine unabhängigen Vergleichswerte auf Fahrzeugebene veröffentlicht wurden.
DeepDrive sagt, die Architektur sei validiert und für drei Anwendungen geeignet: Generator für Range-Extender-Systeme, Zentralantrieb und Radnabenmotor. Damit könnte eine technische Familie an verschiedene Fahrzeugplattformen angepasst werden. Welche Ausführung der nicht genannte Hersteller ausgewählt hat, ist nicht bekannt.
Radnabenmotoren brauchen eine eigene Abwägung
Ein Zentralmotor sitzt zwischen den Achsen und überträgt das Drehmoment über Untersetzungsgetriebe und Antriebswellen. Ein Motor im Rad kann Teile dieses mechanischen Wegs einsparen und die getrennte Regelung des Drehmoments an einzelnen Rädern erleichtern. Gleichzeitig liegen die Komponenten direkt in einem Bereich, der Stößen, Wasser, Staub, Vibrationen und Temperaturschwankungen ausgesetzt ist. Auch die ungefederten Massen müssen begrenzt werden.
DeepDrive und Continental kündigten 2023 eine Zusammenarbeit an, bei der ein Radnabenantrieb mit einer Bremse kombiniert werden sollte. Ziel war ein kompaktes Bauteil mit Perspektive für eine kostengünstige Serienfertigung. Daraus folgt nicht, dass Continental der nicht genannte Kunde des neuen 2028-Programms ist. DeepDrive hat den Hersteller nicht öffentlich identifiziert.
Das Unternehmen entwickelt außerdem einen Generator für Range-Extender. Dabei erzeugt ein Verbrennungsmotor Strom für Batterie oder Antrieb, ohne die Räder direkt mechanisch anzutreiben. In den offiziellen Generator-Unterlagen nennt DeepDrive ein Dauerdrehmoment von 200 bis 300 Nm bei 3.000 bis 6.000 U/min. Diese Werte gelten für den Generator und nicht automatisch für den jetzt nominierten Antrieb.
Der nächste Schritt ist die Industrialisierung
Die Validierung eines Prototyps löst die Herausforderungen der Großserienfertigung nicht automatisch. Ein Zulieferer muss enge Toleranzen dauerhaft einhalten, Magnete, Elektronik und weitere Komponenten absichern, wiederholbare Qualitätsprüfungen einrichten, Bauteile zurückverfolgen und Dauerlaufprüfungen absolvieren. Zusätzlich muss die Kapazität über die gesamte Laufzeit eines Fahrzeugprogramms verfügbar sein.
DeepDrive erklärt, seine Organisation und Produktionskapazitäten für diesen Übergang auszubauen. Peter Hochholdinger ist strategischer Berater des Unternehmens. Er war zuvor für Fertigungsaufgaben bei Audi, Tesla und Lucid verantwortlich. Diese Erfahrung passt zur Industrialisierung, garantiert aber weder den Produktionsstart im Jahr 2028 noch den Erfolg des Programms.
DeepDrive wurde 2021 gegründet und hat seinen Hauptsitz in München. Als Investoren nennt das Unternehmen BMW i Ventures, die Venture-Einheit von Continental, Leitmotif, UVC Partners und Bayern Kapital. In früheren Veröffentlichungen erklärte DeepDrive, mit acht der zehn größten Autohersteller der Welt zu arbeiten. Das ist eine Unternehmensangabe und keine öffentliche Liste bestätigter Kunden.
Expansion nach China
Parallel zur Seriennominierung baut DeepDrive ein Team in Shanghai für Vertrieb und Projektumsetzung in China auf. Das Unternehmen beschreibt den Ansatz als „local for local“, also als Entwicklung von Ressourcen in der Nähe der Kunden. Eine chinesische Fabrik, lokale Produktionskapazität oder ein Fertigungsplan wurden bisher nicht genannt.
China ist ein wichtiger Markt für Elektrofahrzeuge und Antriebskomponenten. Ein Vertriebs- und Projektteam bedeutet jedoch nicht automatisch, dass ein DeepDrive-Motor in China produziert oder in ein dort verkauftes Fahrzeug eingebaut wird. Dafür wären ein Herstellerprogramm, lokale Lieferanten, Zulassungen und eine freigegebene technische Spezifikation erforderlich.
Bestätigte Fakten und offene Fragen
Bestätigt ist die von DeepDrive gemeldete Nominierung durch einen globalen Hersteller für ein ab 2028 geplantes Serienprogramm. Bekannt sind außerdem die Doppelrotor-Architektur, die drei vorgesehenen Anwendungen und die Shanghai-Expansion. Offen bleiben Kunde, Fahrzeug, Leistung, Spannung, Gewicht, Produktionsmenge und Auftragswert.
Für Autofahrer entsteht keine unmittelbare Auswirkung, solange der Hersteller das betreffende Fahrzeug nicht nennt. Sollte das Programm in Produktion gehen, könnte der Motor Verbrauch, Reichweite, Bauraum und Kosten des Elektroantriebs beeinflussen. Bis dahin handelt es sich um einen industriellen Schritt eines Zulieferers, nicht um die Markteinführung eines neuen Autos.
Der konkrete Nutzen für Käufer lässt sich erst bewerten, wenn Verbrauch, Reichweite, Haltbarkeit und Preis eines Serienfahrzeugs veröffentlicht werden.
Sources
- DeepDrive – offizielles Medienarchiv
- DeepDrive – Dual-Rotor-Radialfluss-Generator
- DeepDrive – Series A und Motortechnik
- DeepDrive – Partnerschaft mit Continental
Bild: DeepDrive, offizielles Pressematerial, redaktionelle Nutzung nach den Medienbedingungen des Unternehmens.



