Arnaud Belloni, der Chef von Fiat, hält die Euro-NCAP-Sterne für Käufer zunehmend schwer verständlich. In einem von Autocar zitierten Interview sagte Belloni, die Kunden verstünden das System nicht mehr, weil sich die Regeln häufig änderten. Ein und dasselbe Auto könne deshalb bei einer späteren Prüfung von fünf Sternen auf drei oder zwei Sterne fallen.
Die Aussage fällt in eine Phase, in der Fiat an einem kleinen Elektroauto für den Einstieg in die Baureihe arbeitet. Laut dem Bericht könnte das Projekt in eine neue europäische Kategorie für preisgünstige Elektroautos passen. Fiat hat den Preis, die Batterie, die endgültige Ausstattung und ein Euro-NCAP-Ergebnis bisher nicht veröffentlicht. Es geht daher um den möglichen Zielkonflikt zwischen einem niedrigen Kaufpreis und den Ausstattungen, die für eine hohe Bewertung erforderlich sind.
Was der Fiat-Chef kritisiert
Belloni erklärt nicht, dass Crashtests wertlos seien. Seine Kritik gilt der Kommunikation einer komplexen Bewertung durch eine einzige Zahl. Euro-NCAP-Protokolle werden im Laufe der Zeit aktualisiert. Ein Fahrzeug, das nach den Anforderungen eines Jahres getestet wurde, kann bei einer späteren Prüfung anders abschneiden, obwohl die Grundstruktur der Fahrgastzelle nicht plötzlich schlechter geworden ist.
Im Autohaus geht dieser Zusammenhang leicht verloren. Fünf Sterne lassen sich schnell merken, während Testjahr, Serienausstattung und optionale Sicherheitspakete in den Detailangaben stehen. Weniger Sterne können deshalb wie ein Beweis für eine schlechtere Konstruktion wirken. Tatsächlich können auch zusätzliche Prüfungen von Assistenzsystemen, höhere Grenzwerte oder fehlende Funktionen der getesteten Ausstattung dafür verantwortlich sein.
Bei einem kleinen Elektroauto wird der Zusammenhang besonders sichtbar. Um den Preis niedrig zu halten, kann der Hersteller die Ausstattung begrenzen. Bestimmte Assistenzfunktionen sind je nach Markt und Ausstattung serienmäßig, optional oder gar nicht verfügbar. In der Euro-NCAP-Methodik kann ihr Fehlen den Bereich Safety Assist und damit die Gesamtzahl der Sterne beeinflussen. Ein Auto mit weniger Sternen ist dadurch nicht automatisch unsicher; die Bewertung beschreibt aber ein anderes Maß an geprüfter Unfallvermeidung.
Das Euro-NCAP-Protokoll 2026
Für 2026 teilt Euro NCAP die Prüfung in vier Bereiche ein: Safe Driving, Crash Prevention, Crash Protection und Post-crash Safety. Der Automobile Club d’Italia beschreibt eine Bewertung, die von der Unfallvermeidung über den Schutz der Insassen bis zu den Bedingungen nach dem Aufprall reicht.
Mehr Gewicht erhalten fortschrittliche Fahrerassistenzsysteme und ihr Verhalten in realen Situationen. Außerdem werden mehr Insassentypen berücksichtigt und Aspekte geprüft, die Rettungskräften nach einem Unfall helfen können. Bei Elektroautos sind Informationen über das Hochvoltsystem und eine beschädigte Batterie für die Einsatzkräfte praktisch relevant.
Auch die spanische Verkehrsbehörde DGT beschreibt diese Richtung. Genannt werden reale Tests von Assistenzsystemen, mehr unterschiedliche Insassengrößen sowie Kontrollen nach einer Kollision, darunter Türgriffe und Hochvoltbatterien. Die DGT weist zudem darauf hin, dass Protokolle alle drei Jahre aktualisiert werden. Eine Bewertung ist deshalb eine Momentaufnahme von Modell, Ausstattung und Testzyklus.
Warum sich Sterne ohne neue Karosserie ändern können
Für eine neue Bewertung muss der Hersteller die Sicherheitsstruktur nicht vollständig überarbeitet haben. Fügt Euro NCAP ein Szenario für die automatische Notbremsung hinzu, ändert die Kriterien für den Spurhalteassistenten oder erhöht die Schwelle für einen Stern, kann ein Auto mit derselben Struktur ein anderes Ergebnis erhalten.
Die vier Kategorien bleiben für die Einordnung entscheidend. Der Schutz von Erwachsenen und Kindern beschreibt die getestete Konfiguration. Der Schutz gefährdeter Verkehrsteilnehmer betrifft Fußgänger und Radfahrer. Safety Assist bewertet Funktionen, die eine Kollision vermeiden oder deren Folgen mindern können. Wer nur das Sternsymbol vergleicht, lässt diese Details außen vor.
Auch die konkrete Ausstattung zählt. Ein Auto kann mit einem Sicherheitspaket getestet werden, das nicht zur Basisversion gehört. Das Euro-NCAP-Ergebnis beschreibt das geprüfte Fahrzeug und nicht automatisch jedes Auto mit derselben Modellbezeichnung. Käufer sollten Ausstattung, Markt und Modelljahr abgleichen.
Was beim künftigen kleinen Fiat wichtig wird
Die geprüften offiziellen Quellen nennen weder Preis, Batterie, Reichweite, Marktstart noch Euro-NCAP-Bewertung des im Interview erwähnten Elektroprojekts. Diese Lücken lassen sich nicht mit Vermutungen füllen. Sobald Fiat die Daten veröffentlicht, sind konkrete Fragen wichtiger als eine allgemeine Werbeaussage: Welche Notbremsfunktionen sind serienmäßig? Erkennt das System Fußgänger und Radfahrer? Wie arbeitet der Spurassistent? Entspricht die getestete Ausstattung der Einstiegsversion?
Bei einem bereits erhältlichen Modell beginnt die Prüfung auf der Euro-NCAP-Seite mit dem Testjahr. Danach müssen die Prozentwerte der Kategorien mit der tatsächlichen Ausstattung des bestellten Autos verglichen werden. Eine Probefahrt zeigt außerdem, ob Warnungen verständlich sind und ob Eingriffe der Assistenzsysteme vorhersehbar wirken.
Auch ein älteres Ergebnis bleibt als dokumentierter Test nützlich, sollte aber nicht mit einer aktuellen Zulassung oder einer Garantie für jedes Fahrzeug verwechselt werden. Zustand, Reifen, Reparaturen und die Kalibrierung von Kamera und Radar gehören bei einem gebrauchten Auto zu einer eigenen Prüfung. Euro NCAP bewertet ein bestimmtes Neufahrzeug unter festgelegten Bedingungen, nicht den individuellen Zustand eines Gebrauchtwagens.
Bellonis Aussage ist eine Kritik an der Kommunikation und an Vergleichen zwischen verschiedenen Jahren, keine Ablehnung unabhängiger Tests. Die Sterne fassen ein Ergebnis zusammen. Protokoll, Jahr, Ausstattung und Einzelkategorien erklären, was diese Zusammenfassung bedeutet.



