Produktionslinie des Volkswagen ID.5. Der Konzern sagt, seine europäischen Werke hätten eine Überkapazität von mehr als 500.000 Automobilen pro Jahr. Fotoquelle: Volkswagen

Volkswagen warnt vor kritischer Lage: hohe Kosten und Werke ohne genug Auslastung nach 2030

Der Vorstandsvorsitzende des Volkswagen-Konzerns, Oliver Blume, sagt, die Lage des Konzerns sei „mehr als kritisch“, obwohl das Unternehmen weiter Gewinn erzielt. Das Problem ist nicht ein unmittelbarer Mangel an Liquidität, sondern dass das aktuelle Ergebnis die langfristige Finanzierung neuer Technologien, Modelle und Werke nicht erlaubt.

Im ersten Halbjahr 2026 meldete der Volkswagen-Konzern einen Umsatz von 158,1 Milliarden Euro und ein operatives Ergebnis von 5,9 Milliarden Euro, 11,6 Prozent unter dem Niveau des vergleichbaren Vorjahreszeitraums. Die operative Marge lag bei 3,8 Prozent.

Blume hält diese Marge unter den aktuellen Bedingungen für vergleichbar mit dem Branchendurchschnitt, aber unzureichend für den Investitionsbedarf eines Konzerns, zu dem Volkswagen, Audi, Škoda, Seat, Cupra, Porsche, Bentley und Lamborghini gehören.

Volkswagen verkauft weniger Autos, der Gewinn ist gesunken

Zwischen Januar und Juni 2026 verkaufte der Konzern fast 4 Millionen Automobile, 8,4 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2025. Die Auslieferungen an Kunden sanken um 6,3 Prozent auf 4,126 Millionen Einheiten, die Produktion um 7,7 Prozent auf 4,171 Millionen.

Die Führung nennt mehrere Ursachen: in den Vereinigten Staaten erhobene Zölle, den Marktrückgang und den Preisdruck in China, den stärkeren Wettbewerb in Europa und die Kosten des Übergangs zu Elektroautos und Software.

Zugleich sagt Volkswagen, die interne Struktur sei zu komplex. Der Konzern hat zahlreiche Führungsebenen, doppelte Funktionen sowie Plattformen und Versionen, die zwischen den Marken nahe beieinanderliegen. Die Reduzierung dieser Komplexität ist eine der wichtigsten Sparquellen, die die Führung verfolgt.

Es gibt zwei unterschiedliche Zahlen zum Personalabbau

Blumes Aussagen unterscheiden zwischen einem bereits vereinbarten Programm und einer zusätzlichen, in der Presse kursierenden Rechnung.

Seit 2024 haben Volkswagen, Audi, Porsche und die Softwaresparte Cariad den Abbau von rund 50.000 Stellen in Deutschland bis 2030 vereinbart. Die Maßnahmen sollen vor allem über Teil- oder Vorruhestand und freiwillige Abgänge erfolgen. Nach Blume waren im August 2026 bereits etwa 37.000 Verträge unterzeichnet.

Gesondert ist die Zahl weiterer 50.000 Stellen weltweit aufgetaucht. Das ist kein Entlassungsziel und keine genehmigte Entscheidung. Blume sagt, die Zahl sei eine theoretische Rechnung: Sie zeige das Personaläquivalent der Kostenlücke, die der Konzern schließen muss, wenn er nur diesen Hebel nutzte.

Die Kosten der Unterstützungsfunktionen von Volkswagen liegen nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden rund 30 Prozent über dem Niveau vergleichbarer Unternehmen. Der endgültige Personalabbau hängt auch von Einsparungen durch vereinfachte Strukturen, effizientere Prozesse und angepasste Personalkosten ab.

Vier deutsche Werke haben die Auslastung für die 2030er-Jahre noch nicht gesichert

Die Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm haben derzeit nicht genug zugewiesene Produktion, um im nächsten Jahrzehnt wettbewerbsfähig zu arbeiten. Volkswagen schätzt, dass seine europäischen Werke zusammen eine Überkapazität von mehr als 500.000 Automobilen pro Jahr haben.

Das bedeutet nicht, dass die Schließung der vier Standorte beschlossen ist. Blume erklärte ausdrücklich, es gebe keine Entscheidung zur Schließung bestimmter Werke. Die Marken des Konzerns prüfen, wo sie künftige Modelle zu wettbewerbsfähigen Kosten produzieren können, und die Werke müssen neue Projekte gewinnen.

Erhält ein Werk kein Nachfolgemodell, will der Konzern nach eigenen Angaben Partner, Investoren oder andere industrielle Tätigkeiten suchen. In Osnabrück etwa führt Volkswagen Gespräche mit Unternehmen der Verteidigungsindustrie.

Die Kosten der deutschen Werke sind gesunken, aber nicht genug

Volkswagen gibt an, die durchschnittlichen Produktionskosten der Autowerke in Deutschland um 20 Prozent in einem einzigen Jahr gesenkt zu haben. Blume beschrieb das Ergebnis als Fortschritt, stellte aber klar, dass der Abstand zu den effizientesten europäischen Werken zu groß bleibe.

Der Wettbewerb kommt nicht nur von traditionellen Herstellern. Chinesische Marken erweitern die Produktion in Europa durch neue Werke, die auf niedrigere Kosten ausgelegt sind und weniger übernommene Strukturen haben.

Für Volkswagen gehören zur Antwort die Verringerung der Zahl von Modellen und Versionen, die breitere Nutzung gemeinsamer Plattformen und die schnellere Softwareentwicklung.

Das Konzernprogramm soll von rund 150 auf 75 Modelle schrumpfen

Der Volkswagen-Konzern bietet derzeit rund 150 Modelle über alle Marken an. Der Plan der Führung sieht vor, dass das Portfolio auf etwa 75 kommt, indem Überschneidungen und Derivate mit geringen Stückzahlen entfallen.

Erste Wirkungen sollen ab 2027 sichtbar werden. Blume betont, das Ziel sei ein höheres Volumen für jedes verbleibende Modell, nicht der Rückzug des Konzerns aus wichtigen Segmenten.

Auch die Zahl der Ausstattungskombinationen soll sinken. In der Markengruppe Progressive, zu der Audi, Bentley und Lamborghini gehören, gibt es derzeit mehr als 2.600 Sitzvarianten. Die Führung will auf etwa 100 kommen.

Für Kunden kann das Ergebnis ein leichter zu konfigurierendes Angebot sein, aber auch das Verschwinden mancher Karosserieformen, Motorisierungen oder Ausstattungen mit geringer Nachfrage. Volkswagen hat die Liste der zu streichenden Modelle noch nicht veröffentlicht.

Was die Umstrukturierung für Rumänien bedeuten kann

Rumänien hat kein Volkswagen-Werk, die Maßnahmen können den lokalen Markt aber indirekt beeinflussen. Ein schmaleres Programm verringert die Zahl verfügbarer Konfigurationen, und die Umverteilung der Produktion kann Lieferzeiten bestimmter Modelle ändern.

Es gibt keine Ankündigung von Händlerschließungen, einer Verkleinerung des Servicenetzes in Rumänien oder eines Marktrückzugs. Auch die von Blume beschriebenen Schwierigkeiten bedeuten nicht, dass der Konzern insolvent ist: Volkswagen blieb profitabel und erzielte im ersten Halbjahr 2026 einen Netto-Cashflow von 3,2 Milliarden Euro in der Autosparte.

Die Botschaft der Führung lautet, dass die aktuelle Profitabilität für künftige Investitionen nicht reicht und Maßnahmen ergriffen werden müssen, bevor die finanziellen Reserven verbraucht sind. Der konkrete Zeitplan für Werke, Modelle und mögliche weitere Personalreduzierungen steht noch nicht fest.

Quellen