Honda könnte eine Rückkehr zur Autoproduktion in Europa erwägen. Eine neue Fabrik oder eine Fertigungsvereinbarung hat der Hersteller jedoch nicht angekündigt. Hans De Jaeger, Präsident von Honda Motor Europe, knüpfte die Möglichkeit in einem Bloomberg-Interview am Rande der Motorradmesse EICMA in Mailand an die endgültige Ausgestaltung neuer EU-Industrieregeln. Das Gespräch fand am 3. November 2026 statt.

Als denkbare Wege nannte er eine eigene lokale Fertigung oder die Zusammenarbeit mit einem anderen Autohersteller. Nach seiner Aussage gibt es derzeit kein solches Vorhaben. Weder Standort und Partner noch Modelle oder Produktionsbeginn stehen fest. Aus dem Interview lässt sich deshalb keine beschlossene Wiederaufnahme an einem bestimmten Werk ableiten.

Welche Absatzgröße hinter der Überlegung steht

De Jaeger hält das heutige europäische Geschäftsvolumen laut Bloomberg für zu klein, um eine Fabrik zu rechtfertigen. Steigende Verkäufe könnten diese Bewertung verändern. Eine notwendige Mindestmenge, eine geplante Jahreskapazität oder ein Investitionsbudget wurde nicht genannt. Damit fehlt auch die Grundlage, um die Größe eines möglichen Betriebs zu beziffern.

Der Herstellerverband ACEA weist für Honda von Januar bis September 2026 insgesamt 58.961 Pkw-Neuzulassungen in der EU, den EFTA-Märkten und dem Vereinigten Königreich aus. Das entspricht einem Zuwachs von 3,7 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum 2025 und einem Marktanteil von rund 0,6 Prozent. Die Angaben für das laufende Jahr sind vorläufig und können später korrigiert werden.

Für die Europäische Union allein nennt ACEA 39.344 Honda-Neuzulassungen, ein Plus von 18 Prozent und einen Anteil von ungefähr 0,5 Prozent. Die nahezu 59.000 Fahrzeuge des erweiterten europäischen Markts dürfen deshalb nicht als reiner EU-Absatz dargestellt werden. Gerade bei einer Diskussion über EU-Regeln ist der geografische Unterschied entscheidend.

Neuzulassungen sind zudem keine Produktionszahlen und keine Bestellungen für ein künftiges Honda-Werk. Sie erfassen neue Fahrzeuge in den ausgewiesenen Märkten. Das frühere Werk Swindon belieferte dagegen auch Abnehmer außerhalb Europas. Ein direkter Vergleich seines damaligen Ausstoßes mit heutigen regionalen Zulassungen würde diese Exportfunktion übergehen.

Worum es beim Industrial Accelerator Act geht

Die Europäische Kommission stellte ihren Vorschlag für den Industrial Accelerator Act am 4. März 2026 vor. Er soll die industrielle Fertigung in strategischen Bereichen stärken, zu denen auch die automobile Wertschöpfungskette gehört. Öffentliche Beschaffung und bestimmte öffentliche Förderinstrumente sollen die Nachfrage nach Produkten aus der EU und nach emissionsarmen Produkten unterstützen.

Für Honda ist damit die Frage verbunden, welche Fahrzeuge und Komponenten die endgültigen Bedingungen erfüllen könnten. Die Herkunft eines Produkts lässt sich nicht allein aus der Nationalität seiner Marke bestimmen. Auch ein Montageort muss gemeinsam mit weiteren Anforderungen des jeweils einschlägigen Instruments betrachtet werden.

Der Vorschlag bedeutet kein allgemeines Verkaufsverbot für importierte Autos. Vorgaben zum europäischen Inhalt sind an bestimmte Formen öffentlicher Unterstützung und Beschaffung geknüpft. Daraus lässt sich weder eine vollständige Abschottung des Automarkts noch eine automatische Förderberechtigung für jedes in Europa montierte Auto ableiten.

De Jaeger hofft auf eine Anerkennung Japans als vertrauenswürdigen Partner und verweist dafür auf Investitionen japanischer Unternehmen in Europa. Das ist die Position des Honda-Managers in der politischen Debatte. Eine bereits beschlossene Ausnahme oder eine Zusage für sämtliche in Japan gebauten Honda-Modelle ist damit nicht verbunden.

Die Kommission beschreibt in ihren Erläuterungen einen Ansatz der Gegenseitigkeit gegenüber Ländern, die Unternehmen aus der Union über Handelsabkommen Zugang zu ihren Märkten gewähren. Wie ein Produkt aus einem Partnerland behandelt wird, muss anhand der relevanten Bestimmungen beurteilt werden. Die Erläuterung ist keine individuelle Garantie für Honda.

Das Gesetzgebungsverfahren ist noch offen

Am 4. November 2026 führte die Gesetzgebungsbeobachtungsstelle des Europäischen Parlaments das Verfahren 2026/0068(COD) mit dem Status, dass eine Ausschussentscheidung aussteht. Es handelt sich um das ordentliche Gesetzgebungsverfahren mit Beteiligung von Parlament und Rat. Der Kommissionsvorschlag ist damit nicht als endgültig verabschiedete Verordnung zu behandeln.

Für Autokäufer in Deutschland kündigt das Interview weder einen neuen Zuschuss noch eine Preisänderung oder einen Liefertermin für einen lokal gebauten Honda an. Ob ein Fahrzeug künftig für ein bestimmtes Programm infrage kommt, hängt von dessen Regeln ab. Auch Zulieferer oder mögliche Standortgemeinden erhalten aus der Aussage noch keinen bestätigten Auftrag oder Zeitplan.

Was Honda in Swindon beendet hat

Im Februar 2019 schlug Honda vor, die Fahrzeugfertigung im britischen Swindon 2021 zu schließen. Die offizielle Mitteilung begründete die Neuordnung mit der Elektrifizierung und einer Konzentration auf Regionen, in denen hohe Produktionsmengen erwartet wurden. Die Belegschaft wurde damals mit ungefähr 3.500 Beschäftigten angegeben. Diese historische Zahl beschreibt keine heute angekündigten neuen Arbeitsplätze.

Nach der Honda-Chronologie begann die Autoproduktion in Swindon 1992, die Fertigung des Civic folgte 1994. Für das Jahr 2018 meldete das Unternehmen 160.075 produzierte Autos und Exporte in mehr als 70 Länder. Das Werk hatte damit eine internationale Aufgabe, die über die Versorgung europäischer Käufer hinausging.

Ein späteres offizielles Honda-Dokument nennt den 30. Juli 2021 als Ende der Automobilfertigung bei Honda of the UK Manufacturing in Swindon. De Jaegers Aussage in Mailand kündigt keine Wiedereröffnung dieses Standorts an. Für ein neues Engagement wurde überhaupt kein konkretes Gelände benannt.

Hinzu kommt die geografische Abgrenzung: Das Vereinigte Königreich gehört nicht zur EU. Eine Fertigung irgendwo in Europa wäre deshalb nicht automatisch eine Fertigung innerhalb der Union. Ob ein Fahrzeug spätere Herkunftsanforderungen erfüllt, könnte erst mit Angaben zu Standort, Produkt und Komponenten sowie anhand des endgültigen Rechtsrahmens beurteilt werden.

Honda ernannte De Jaeger mit Wirkung zum 1. April 2026 zum Präsidenten und Direktor von Honda Motor Europe sowie zum Leiter der regionalen Einheit Europa, Afrika und Naher Osten. Laut offizieller Mitteilung ist er Hondas erster nichtjapanischer Regionalleiter. Sein Aufgabenbereich umfasst mehrere Geschäftsfelder des Herstellers; die nun erörterte Produktionsoption bezieht sich ausdrücklich auf Autos.

Im Bloomberg-Gespräch bekräftigte er zugleich, dass Honda im europäischen Markt bleiben will. Diese Absicht und eine neue lokale Autofertigung sind unterschiedliche Entscheidungen. Für die Fertigung müssen das wirtschaftliche Volumen und die endgültigen politischen Bedingungen zusammenpassen. Ein konkretes Fabrikprojekt mit festgelegten Fahrzeugen und Investitionen wurde bislang nicht mitgeteilt.

Archivfoto des früheren Honda-Werks Swindon, ursprünglich 2008 hochgeladen. Es zeigt keinen angekündigten neuen Produktionsstandort. Verkleinert und in WebP umgewandelt. krzyszkk / Wikimedia Commons, CC BY 3.0.

Quellen