Der Volkswagen ID. EVERY1 nutzt Scheinwerfer, die einen Blick andeuten, und Stoßfänger, die wie ein dezentes Lächeln gezeichnet sind. Fotoquelle: Volkswagen

Volkswagen lässt aggressive Gesichter hinter sich: künftige Modelle sollen freundlicher wirken

Volkswagen will der Mode von Autos mit überdimensionierten Kühlergrills, sehr schmalen Scheinwerfern und einer bedrohlich wirkenden Front nicht folgen. Andreas Mindt, Designchef des Volkswagen-Konzerns, sagt, die Fahrzeuge der Volumenmarke müssten zugänglich und freundlich wirken, nicht andere Verkehrsteilnehmer einschüchtern.

Mindts Haltung, geäußert in einem Interview mit dem niederländischen Magazin AutoWeek, kündigt nicht nur einen Kulissenwechsel an. Sie erklärt die visuelle Sprache namens Pure Positive, die bereits am ID. Polo, ID.3 Neo, ID. Cross und am Concept ID. EVERY1 sichtbar ist.

Warum Volkswagen keine Autos mit „wütenden Gesichtern“ mehr will

Mindt kritisiert die Tendenz der Hersteller, die Front eines Autos in ein Kraftzeichen zu verwandeln. Manche Marken wählen diese Lösung, damit das Auto im Rückspiegel dominant wirkt, sagt der Designer. Seiner Meinung nach passt dieser Ansatz nicht zur Marktposition von Volkswagen.

„Warum sollten wir Autos nicht ein freundliches Aussehen geben? Ich möchte in einer freundlichen Welt leben“, erklärte Mindt. Er nutzte auch einen direkteren Vergleich und sagte, er wolle keine Automobile, die wirken, als seien sie „zum Töten von Zombies entworfen“.

Die Aussage ist im Kontext der Marke Volkswagen zu verstehen, nicht als Regel, die identisch auf alle Konzernmarken angewendet wird. Mindt räumt ein, dass ein dramatischeres Design für Lamborghini oder Cupra angemessen ist, deren Identitäten um Leistung und Sportlichkeit gebaut sind. Seine Rolle nach Übernahme der Konzern-Designleitung am 1. März 2026 besteht gerade darin, die Unterschiede zwischen den Marken zu bewahren.

Was „Pure Positive“ bedeutet

Volkswagen beschreibt die neue Designsprache über drei Prinzipien: Stabilität, angenehmes Erscheinungsbild und „secret sauce“, ein Begriff für überraschende, einprägsame Details. Stabilität entsteht durch eine Karosserie, die visuell auf den Rädern sitzt, klar definierte Radhäuser und klare Proportionen. Das angenehme Erscheinungsbild entsteht durch horizontale Linien, einfache Flächen und Lichtblöcke, die keinen finsteren Blick imitieren.

ID. EVERY1 ist das am leichtesten lesbare Beispiel. Die Scheinwerfer haben grafische Elemente, die Pupillen ähneln, und die angehobenen Linien an den Stoßfängerenden deuten ein dezentes Lächeln an. Volkswagen hat auch das Verhältnis von 2/5 zu 3/5 zwischen Glasflächen und Karosserie genutzt, eine Interpretation des goldenen Schnitts, von der das Unternehmen sagt, sie mache das Objekt visuell angenehmer.

Dieselbe Strategie bedeutet nicht, dass alle Autos rund oder charakterlos werden. Am ID. Polo etwa hat die Karosserie eine breite, stabile Stellung, die Front ist aber sauber, ohne falsche Lufteinlässe und ohne riesigen Dekorgrill. GTI-Versionen können festere Akzente haben, doch Mindt meint, auch ein Golf GTI müsse einen positiven Ausdruck behalten.

Elektroautos müssen nicht mehr absichtlich anders aussehen

Eine weitere Änderung betrifft die visuelle Trennung zwischen Elektroautos und Verbrennern. Die ersten Modelle der ID.-Familie erhielten futuristische Formen, um sofort zu zeigen, dass sie eine neue Technik nutzen. Mindt räumt ein, dass Volkswagen sich in diesem Prozess von einigen traditionellen Werten entfernt hat.

Jetzt, da ein Elektroauto keine ungewöhnliche Erscheinung mehr ist, sieht das Unternehmen keinen Bedarf mehr, Überlegenheit gegenüber einem Benzin- oder Dieselmodell zu signalisieren. Künftige elektrische Volkswagen werden erkennbare Elemente von Beetle, Golf, Polo und Transporter zurückholen, ohne historische Modelle direkt zu kopieren.

Der ID. Polo veranschaulicht diese Annäherung: Der traditionelle Name kehrt auf einem Elektroauto zurück, die Silhouette ist die eines konventionellen Kompakthatchbacks. Volkswagen gibt den Luftwiderstandsbeiwert mit 0,264 an, sodass das vertraute Aussehen die für ein Elektroauto nötige Optimierung nicht ausschließt.

Die Änderung zeigt sich auch im Innenraum

Für Mindt definiert sich ein „freundliches“ Auto nicht nur über Scheinwerfer. Neue Volkswagen-Innenräume bringen physische Tasten für häufig genutzte Funktionen zurück, wärmer wirkende Materialien und eine verständlichere horizontale Architektur. ID. Polo und ID. Cross haben einen Drehregler für die Lautstärke und direkte Bedienung, nach Kritik an Generationen, die zu viele Funktionen auf Touchflächen verlagert hatten.

Der Designer verknüpft Tasten mit der Idee von Stabilität und Vertrauen: Der Fahrer findet eine Bedienung, ohne mehrere Menüs auf dem Bildschirm zu durchlaufen. Retro-Grafikmodi des Instrumententrägers gehören zu den Details, die Persönlichkeit geben, ohne die Nutzung zu erschweren.

Welche Modelle der neuen Richtung folgen

ID. Polo, ID.3 Neo und ID. Cross sind die ersten Serienbeispiele der Strategie Pure Positive. Das nächste wichtige Modell sollte der Nachfolger des aktuellen ID.4 sein, über den die internationale Automobilpresse berichtet, er werde den Namen ID. Tiguan tragen. Volkswagen hat noch nicht alle kommerziellen Daten veröffentlicht.

Das Concept ID. EVERY1 kündigt seinerseits ein städtisches Elektroauto an, das für 2027 geplant ist. Es zeigt, wie weit das Thema freundliches Aussehen bei einem Stadtmodell gehen kann. Für Kunden wird die Änderung aber leichter an Serienfahrzeugen zu bewerten sein: nicht nur über die Scheinwerferform, sondern über Sicht, Ergonomie der Bedienung, Materialqualität und den Erhalt einer klaren Identität von einer Generation zur nächsten.

Konsultierte Quellen