Eine Hinterachslenkung kann den Wendekreis eines Autos verkleinern und seine Reaktion bei schnelleren Richtungswechseln beeinflussen. Beim langsamen Rangieren lenken die Hinterräder meist entgegen den Vorderrädern. Bei höherem Tempo können sie in dieselbe Richtung einschlagen. Wie groß die Winkel sind und wann die Regelung ihre Strategie ändert, hängt vom jeweiligen Fahrzeug ab.
Der Unterschied lässt sich an konkreten Herstellerangaben zeigen. Für die lange Mercedes-Benz S-Klasse V223 mit 4MATIC nannte die technische Dokumentation vom September 2020 einen Wendekreis von 12,8 Metern ohne Hinterachslenkung. Mit der optionalen Ausführung für zehn Grad Lenkwinkel waren es 10,9 Meter. Das sind Werte für die damals beschriebene Konfiguration, keine allgemeine Zusage für jede S-Klasse.
Was sich an der Hinterachse bewegt
Bei modernen aktiven Systemen verändert ein Stellmechanismus den Winkel der Hinterräder nach elektronischen Vorgaben. Der Fahrer bedient weiterhin ein einziges Lenkrad. Das Auto stimmt die beiden Achsen aufeinander ab. Mercedes beschreibt für die S-Klasse einen Elektromotor, der über einen Riemen den Spindelmechanismus an der Hinterachse antreibt. Dessen Bewegung stellt den Lenkwinkel entsprechend der Geschwindigkeit und der Lenkradstellung ein.
Renault nennt für 4CONTROL Advanced im Austral einen Aktuator an der Hinterachse. Seine Ansteuerung berücksichtigt Informationen im Zusammenhang mit Servolenkung, Motor und elektronischem Stabilitätsprogramm. Dabei geht es um die Ausrichtung der Räder. Eine veränderte Dämpferkennlinie oder die Verteilung des Antriebsmoments erfüllt eine andere Aufgabe, auch wenn solche Funktionen im Fahrwerk miteinander zusammenarbeiten können.
Allradlenkung und Allradantrieb müssen deshalb getrennt betrachtet werden. Der erste Begriff beschreibt die Führung der Räder, der zweite die Übertragung der Antriebskraft. Ein Hinweis auf 4MATIC oder einen anderen Allradantrieb belegt für sich genommen keine mitlenkende Hinterachse. Bei einem Gebrauchtwagen ist die tatsächliche Ausstattung entscheidend, nicht eine ungenaue Beschreibung des Fahrwerks im Inserat.
Warum das Auto beim Rangieren enger abbiegt
Bei einer langsamen Linkskurve können die Vorderräder nach links und die Hinterräder nach rechts zeigen. Die gegensinnige Stellung ermöglicht eine engere Kreisbahn. Häufig wird dieser Effekt mit einem virtuell kürzeren Radstand erklärt. Die Beschreibung betrifft das Lenkverhalten; der tatsächliche Abstand zwischen Vorderachse und Hinterachse bleibt unverändert. Das Auto verkürzt seine Karosserie also nicht.
Für die dritte Generation von 4CONTROL Advanced, die Renault im Juli 2022 am Austral erläuterte, nennt der Hersteller bis zu fünf Grad gegensinnigen Einschlag hinten. Der angegebene Wendekreisdurchmesser zwischen Bordsteinen beträgt 10,1 Meter. Zum Vergleich führt Renault für die vorherige Generation einen maximalen Winkel von 3,5 Grad an. Diese Angaben gehören zur damals vorgestellten Anwendung und sind keine von Carboratory erhobenen Messwerte.
Bei einem Wendekreisvergleich muss die Messdefinition erhalten bleiben. Ein Durchmesser ist kein Radius. Außerdem beschreibt die Bahn zwischen Bordsteinen nicht automatisch den gesamten Platzbedarf der Karosserie neben einer Wand. Spiegel, Fahrzeugecken und der Raum zum Öffnen der Türen bleiben zusätzliche Anforderungen. Ein Auto kann leichter in eine Garagenzufahrt einbiegen, obwohl die Garage selbst für bequemes Aussteigen weiterhin zu schmal ist.
Die Mercedes-Tabelle erlaubt auch einen Vergleich innerhalb derselben Fahrzeugausführung. Für die lange V223 mit 4MATIC steht zwischen 12,8 Metern ohne das System und 10,9 Metern mit zehn Grad eine weitere Variante: Mit 4,5 Grad Hinterachslenkung werden 11,9 Meter angegeben. Wer nur die größte Gradzahl betrachtet, übersieht somit eine tatsächlich dokumentierte Abstufung der Rangierwirkung.
Bei höherem Tempo geht es um die seitliche Reaktion
Gleichsinniges Lenken verfolgt ein anderes Ziel als der enge Bogen beim Parken. Kleine Lenkwinkel hinten können den Aufbau der Seitenkraft und die Drehbewegung des Fahrzeugs beeinflussen. Porsche beschreibt für den 2024 vorgestellten 911 Carrera GTS mehr Stabilität beim Spurwechsel sowie einen früheren Aufbau der Querbeschleunigung in Kurven. Das sind technische Erläuterungen des Herstellers und keine unabhängigen Fahrversuchsergebnisse.
Eine einheitliche Umschaltgeschwindigkeit gibt es nicht. Renault nennt beim Austral bis zu ein Grad gleichsinnigen Einschlag bei hohem Tempo oder bei Kurvenfahrten oberhalb von 50 km/h. Im Mercedes-Dokument von 2020 erfolgt der Wechsel zum gleichsinnigen Lenken bei mehr als 60 km/h. Beide Angaben sind an die beschriebenen Systeme gebunden und dürfen nicht ohne Weiteres auf andere Fahrzeuge übertragen werden.
Porsche nennt für den betreffenden 911 Carrera GTS gegensinniges Lenken unterhalb von 50 km/h und gleichsinniges Lenken oberhalb von 80 km/h. Aus diesen Bereichen lässt sich keine beliebige einzelne Schwelle dazwischen ableiten. Das Pressepaket führt die Hinterachslenkung für diese GTS-Modelle als Serienausstattung auf. Nach den Hinweisen des Porsche Newsroom beziehen sich solche Ausstattungsangaben auf den deutschen Markt.
Auch eine stabilere Reaktion bedeutet keine unbegrenzte Haftung. Die Lenkwinkel sagen nicht unmittelbar, wie schnell eine Kurve durchfahren werden kann. Dafür wären passende Messungen unter festgelegten Bedingungen erforderlich. Aus einer Herstellerbeschreibung des Lenkprinzips lässt sich deshalb weder eine eigene Testwertung noch ein pauschaler Sicherheitsgewinn für jede Fahrsituation berechnen.
Honda nutzte bereits 1987 eine mechanische Lösung
Im Prelude führte Honda 1987 ein 4WS-System ein, dessen Reaktion vom Lenkradwinkel abhing. Eine Welle verband das vordere und das hintere Lenkgetriebe mechanisch miteinander. Bei kleinen Lenkradbewegungen schlugen die Hinterräder in dieselbe Richtung ein wie die vorderen. Bei größeren Bewegungen wechselten sie in die Gegenrichtung.
Honda begründete die Auslegung mit typischen Fahrmanövern: Ein Spurwechsel benötigt normalerweise kleine Lenkwinkel, eine enge Wende oder das Einparken dagegen größere. Das historische System wählte seine Richtung also nicht unmittelbar anhand einer Geschwindigkeitsschwelle. Es zeigt, warum eine allgemeine Erklärung der Allradlenkung allein über Geschwindigkeitssensoren den Unterschied zwischen älteren und heutigen Konstruktionen nicht vollständig abbildet.
Was vor dem Kauf zu prüfen ist
Zur Ausstattung gehören auch die passenden Räder. Für die Zehn-Grad-Ausführung begrenzte Mercedes im Dokument von 2020 die Radgröße auf maximal 255/40 R20, um den größeren Einschlag zu ermöglichen. Ein angebotener maximaler Winkel sollte daher zusammen mit Baujahr, Marktversion und zulässiger Radkombination geprüft werden. Die Bezeichnung der Option allein liefert diese Angaben nicht.
Bei einem gebrauchten Fahrzeug sind die Ausstattungsliste zur Fahrgestellnummer und eine Prüfung der hinteren Lenkmechanik sinnvoll. Zusätzliche Aktuatoren und Verbindungen sind zusätzliche Bauteile, die eine mit dem Modell vertraute Werkstatt beurteilen sollte. Die hier genannten Quellen liefern jedoch weder eine allgemeine Ausfallquote noch einen für alle Systeme gültigen Reparaturpreis. Soll die Option vor allem eine enge Zufahrt erleichtern, helfen eine vorsichtige Rangierprobe mit genau diesem Auto und bei Auffälligkeiten ein konkreter Kostenvoranschlag.
Foto: Porsche 911 Carrera GTS, 2024, © Porsche AG, Porsche Newsroom. Pressebild zur redaktionellen Berichterstattung; es zeigt keine Demonstration des hinteren Lenkwinkels.



