Lithium-Keramik-Zelle von ProLogium im Querschnitt. Offizielles Pressebild des Batterieherstellers.
Mercedes-Benz erhält frühen Zugriff auf ProLogium-Gen4-Zellen
Mercedes-Benz und das taiwanische Unternehmen ProLogium haben am 24. September 2026 eine gemeinsame Testvereinbarung geschlossen. Der deutsche Hersteller erhält vorrangigen Zugriff auf die neuen Gen4-Lithium-Keramik-Zellen. Ein Serienfahrzeug, eine komplette Batteriekapazität oder ein Marktstart wurden nicht genannt.
Die Zellen sollen in Mercedes-Benz-Einrichtungen und bei spezialisierten externen Instituten elektrisch, thermisch und auf Sicherheit geprüft werden. Mit den Ergebnissen wollen die Partner feststellen, ob sich die Technik für mögliche künftige Fahrzeuge eignet. Die Vereinbarung beschreibt damit eine Bewertung, keine bereits beschlossene Serienanwendung.
Was die Gen4-Zellen beweisen müssen
ProLogium beschreibt die Plattform mit einem nicht brennbaren anorganischen Elektrolyten, einem Keramikseparator und einem eigenen aktiven Sicherheitsmechanismus. Der Lieferant verspricht als Entwicklungsziele hohe Energiedichte, schnelles Laden, hohe Leistungsabgabe und gutes Verhalten bei niedrigen Temperaturen sowie eine skalierbare Fertigung.
Dabei handelt es sich um Aussagen des Zellherstellers und nicht um Mercedes-Benz-Messergebnisse. Elektrische Tests können Leistungsaufnahme und -abgabe, Innenwiderstand und Kapazitätserhalt über wiederholte Zyklen prüfen. Thermische Untersuchungen decken Kälte, Hitze und hohe Last ab. Sicherheitstests zeigen, wie sich die Zelle außerhalb des Normalbetriebs verhält.
Die Mitteilung enthält keine Zyklenlebensdauer, keinen erforderlichen Packdruck, keine Zellabmessungen und keine Ladekurve. Solche Werte entscheiden mit darüber, ob aus einer guten Laborzelle eine brauchbare Autobatterie wird. Kühlung, Gehäuse, Elektronik und Crashschutz erhöhen Masse und Volumen des vollständigen Systems.
Gen3.5-Messwerte gelten nicht automatisch für Gen4
Am 2. September 2026 hatte ProLogium separat die Produktion einer 185,4-Ah-Zelle der Generation 3.5 im Taoke-Werk in Taiwan angekündigt. Ein vom Unternehmen angeführter TÜV-Bericht maß 381 Wh/kg gravimetrische und 903 Wh/l volumetrische Energiedichte. UL Solutions prüfte die Zelle nach der chinesischen Methode GB/T 43568-2026 sechs Stunden unter Vakuum bei 120°C. Der Masseverlust lag unter 0,05 Prozent und damit unter der 0,5-Prozent-Grenze für die Einstufung als vollständig fest.
Diese Daten gehören zur Gen3.5. Die von Mercedes-Benz zu testende Gen4 nutzt weiterhin die Logithium-Grundarchitektur und verwandte Fertigungsprozesse, ergänzt aber das von ProLogium vorgestellte „superfluidisierte“ anorganische Elektrolytsystem. Die bestätigten Dichtewerte dürfen deshalb nicht ohne neuen Nachweis auf Gen4 übertragen werden.
ProLogium hat an anderer Stelle ehrgeizige Lade- und Dichteziele für die neue Plattform veröffentlicht. In der gemeinsamen Erklärung fehlen jedoch Fahrzeug-Testprotokoll, Zelltemperatur, Start- und Zielladestand, Ladeleistung und Packgröße. Ohne diese Bedingungen ist eine Minutenangabe nicht fair mit einem aktuellen Serien-Elektroauto vergleichbar.
Die Zusammenarbeit läuft seit 2016
Mercedes-Benz und ProLogium testen nach eigenen Angaben seit 2016 Zellen für Elektrofahrzeuge. Im Januar 2022 kündigten sie eine Entwicklungsvereinbarung, eine Mercedes-Benz-Investition im hohen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich und einen Sitz des Autobauers im ProLogium-Verwaltungsrat an.
Damals erwarteten die Partner in den folgenden Jahren gemeinsam entwickelte Testfahrzeuge. Vereinbarte Meilensteine sollten eine mögliche Integration in Pkw während der zweiten Hälfte des Jahrzehnts ermöglichen. Seitdem wurden Pouch- und prismatische Lithium-Keramik-Formate sowie die Bipolartechnik von ProLogium untersucht. Die Mitteilung von 2026 legt den nächsten Gen4-Prüfschritt fest, bestätigt aber keine abgeschlossene Fahrzeugintegration.
Parallel arbeitet Mercedes-Benz mit Factorial Energy an einem anderen Festkörperprogramm. Im Februar 2025 begannen Straßentests mit einem umgebauten EQS und Lithium-Metall-Zellen von Factorial. Für diesen Demonstrator nannte Mercedes bis zu 25 Prozent mehr Reichweite als bei einer entsprechenden Standard-EQS-Batterie mit vergleichbarer Größe und Masse. Das ist eine andere Zelltechnik und kein Ergebnis der ProLogium-Gen4.
Produktion in Taiwan, Baustelle in Frankreich
Das Taoke-Werk in Taoyuan hat laut ProLogium die Fertigungsvalidierung im GWh-Maßstab abgeschlossen. Es soll C-Muster, Demonstrationsprogramme und eine künftige kommerzielle Produktion unterstützen. Ein C-Muster ist ein fortgeschrittener Qualifikationsschritt beim Kunden, bedeutet aber nicht, dass ein vollständiger Fahrzeugakku bereits homologiert wurde.
Seit dem Beginn der kommerziellen Fertigung im Jahr 2013 hat ProLogium nach eigenen Angaben mehr als 2,4 Millionen Zellen ausgeliefert. Darin enthalten sind ungefähr 10.000 Muster für Automobilanwendungen. Diese Stückzahlen belegen Fertigungserfahrung, sagen aber noch nichts über eine Gen4-Großserie für Mercedes-Benz aus.
Im Februar 2026 begann ProLogium den Bau einer Gigafactory in Dunkerque, Frankreich. Die erste Phase ist auf eine Jahreskapazität von 4 GWh ausgelegt, die schrittweise bis 2030 erreicht werden soll. Für das vollständig ausgebaute Gelände sind maximal 44 GWh vorgesehen. Diese größere Zahl beschreibt das Ausbauziel und nicht die heute verfügbare Produktion.
Ein Forschungszentrum in Paris-Saclay ergänzt die europäische Aufstellung. Wenn Zellqualifikation und Industrialisierung gelingen, könnte das französische Werk europäische Fahrzeugprogramme beliefern. Die neue Vereinbarung enthält weder eine Kapazitätsreservierung durch Mercedes-Benz noch ein zugesagtes Abnahmevolumen.
Von der Zelle bis zum Serienauto fehlen weitere Schritte
Nach einer erfolgreichen Zellprüfung müssen Modul und Pack, Thermosystem, Batteriemanagement und struktureller Schutz entwickelt werden. Der Autobauer muss außerdem Lebensdauer, gleichbleibende Fertigungsqualität und Kosten bestätigen, bevor das gesamte System im Fahrzeug homologiert wird.
Veröffentlichte Testergebnisse, ein fahrender Gen4-Demonstrator oder eine benannte Serienplattform wären die nächsten belastbaren Hinweise. Bis dahin ist die Aussage der Vereinbarung klar begrenzt: Mercedes-Benz kann ProLogiums jüngste Zelle früh untersuchen, und der Lieferant muss zeigen, dass die versprochenen Eigenschaften auch in einer vollständigen Fahrzeugbatterie bestehen bleiben.



