Mercedes-Benz-Technikvorstand Jörg Burzer würdigt das Entwicklungstempo chinesischer Autohersteller und deren Nähe zu den Kunden. Zugleich sieht er Mercedes in der Lage, sowohl in China als auch in Europa mit diesen Unternehmen zu konkurrieren. Darüber berichtete das australische Medium Drive am 4. November nach einem Gespräch mit Burzer. Parallel bereitet Mercedes PLM.AI vor: Das Programm soll die Entwicklung neuer Produkte nach Unternehmensangaben um bis zu 30 Prozent verkürzen.

Die digitale Initiative wurde bereits am 16. Oktober vorgestellt. Mercedes nennt dafür eine Investition von rund 500 Millionen Euro und arbeitet mit CONTACT Software sowie Siemens zusammen. Die erwarteten Zeitvorteile sind Ziele und mögliche Wirkungen des Programms. Sie belegen nicht, dass bereits alle Mercedes-Modelle in entsprechend kürzerer Zeit entstehen. Einen konkreten europäischen Marktstart für ein vollständig in der neuen Architektur entwickeltes Fahrzeug nennt die Ankündigung nicht.

Was Burzer an chinesischen Herstellern hervorhebt

Im Gespräch mit australischen Medien, darunter Drive, bezog sich Burzer auf das Tempo der Entwicklung, die Kundenorientierung und die Verbindung mit dem chinesischen Technologieumfeld. Wettbewerb könne den Kunden zugutekommen. Gleichzeitig äußerte er Vertrauen in die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Seine Einschätzung enthält weder eine technische Rangliste sämtlicher chinesischer und europäischer Autos noch eine einheitliche Entwicklungsdauer, die für jeden chinesischen Hersteller gelten würde.

Ein konkretes Beispiel betrifft die Vorbereitung des Rechennetzes für eine Crashsimulation an der Karosserie. Nach Burzers Darstellung beschäftigte diese Arbeit einen Ingenieur früher zwei bis vier Wochen. Ein Algorithmus könne die betreffende Aufgabe in zwei oder drei Stunden erledigen. Diese Angaben beziehen sich auf einen einzelnen Vorbereitungsschritt. Sie beschreiben nicht die Dauer der vollständigen Sicherheitsabsicherung eines Serienfahrzeugs.

Das Beispiel ist auch vom Umfang des neuen PLM.AI-Programms zu unterscheiden. Digitale Werkzeuge werden bei Mercedes bereits für einzelne Aufgaben eingesetzt. Mit der neuen Architektur sollen Informationen und Anwendungen über Funktionsgrenzen hinweg verbunden werden. Das Gespräch belegt deshalb nicht, dass jede genannte Form der Automatisierung erst mit PLM.AI eingeführt wird oder bereits das gesamte Entwicklungsprogramm entsprechend beschleunigt.

Gemeinsame Daten vom Entwurf bis zum Service

PLM steht für Product Lifecycle Management, die Verwaltung des Produktlebenszyklus. Mercedes beschreibt eine gemeinsame Informationsbasis für Entwicklung, Einkauf, Produktion, Vertrieb und After-Sales. Standardisierte Datenmodelle sollen den Austausch zwischen diesen Bereichen ermöglichen. Die Teams sollen dadurch früher erkennen können, welche Folgen eine technische Änderung für andere Funktionen hat und wo unterschiedliche Anforderungen gegeneinander abgewogen werden müssen.

Nach Unternehmensangaben unterstützen KI-Agenten bereits die Optimierung von Materialkosten, Zertifizierung und Homologation, die Erkennung und Behebung von Fehlern sowie die Softwareentwicklung. Bisher werden solche Anwendungen vor allem in einzelnen Prozessschritten genutzt. PLM.AI soll diese Werkzeuge über konsistente Entwicklungsdaten und gemeinsame Standards verbinden. Damit geht es um die Verknüpfung vorhandener und künftiger Anwendungen entlang der Produktentstehung, nicht nur um eine zusätzliche isolierte Rechenaufgabe.

Zur Erklärung verwendet Mercedes das Beispiel einer Gewichtsoptimierung. Wird ein Bauteil geändert, kann das Kosten, Crashverhalten, Hardware- und Softwarefunktionen sowie Produktionsprozesse beeinflussen. Spezialisierte KI-Agenten sollen diese Zusammenhänge gleichzeitig analysieren können. Die Ingenieure würden damit früher ein umfassenderes Bild erhalten und Lösungen unter technischen sowie wirtschaftlichen Gesichtspunkten vergleichen. Die Verantwortung für Produktentscheidungen bleibt laut Unternehmen bei den Teams.

Die Prozentangaben haben unterschiedliche Bezugsgrößen

Bis zu 30 Prozent weniger Zeit beziehen sich auf die Entwicklung und das Erreichen der Serienreife neuer Technologien. Daneben erwartet Mercedes in einzelnen Engineering-Prozessen Effizienzsteigerungen von bis zu 50 Prozent. Daraus folgt weder eine Halbierung sämtlicher Entwicklungskosten noch eine Verdoppelung des Tempos am Montageband. Die Mitteilung beschreibt verschiedene Aufgabenbereiche, deren Kennzahlen nicht ohne Weiteres gleichgesetzt werden können.

Eine weitere Schätzung betrifft physische Tests. KI-gestützte Simulation und digitale Entwicklungsprozesse könnten deren Bedarf im Laufe der Zeit halbieren. Mercedes spricht dabei von einem gezielteren Einsatz der Erprobung und hält an seinen Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen fest. Eine Abschaffung der Validierung wird nicht angekündigt. Ebenso enthält die Veröffentlichung keine unabhängige Prüfung, die das Erreichen aller genannten Zielwerte bereits für sämtliche Fahrzeugprogramme bestätigen würde.

CONTACT Software liefert mit CONTACT Elements die offene PLM-Kernschicht zur Einbindung von Produktdaten, Anwendungen und Prozessen. Siemens unterstützt Fahrzeugdesign, Simulation und digitale Absicherung für den digitalen Zwilling. Mercedes legt Zielarchitektur, Datenmodelle und Governance fest und steuert die weltweite Umsetzung. Das Unternehmen erklärt außerdem, Eigentum und Kontrolle über seine Daten und die darauf entwickelten KI-Modelle zu behalten.

Der China-Absatz steht im Zwischenbericht

Der Zwischenbericht zum 30. September 2026 dokumentiert den wirtschaftlichen Hintergrund. Mercedes-Benz Cars setzte in China in den ersten neun Monaten 297.037 Fahrzeuge ab. Im entsprechenden Zeitraum 2025 waren es 418.305. Der ausgewiesene Rückgang beträgt 29 Prozent. Die China-Zahl umfasst auch den Absatz des assoziierten Unternehmens Beijing Benz Automotive Co., Ltd., das nach der Equity-Methode bilanziert wird.

Weltweit meldet die Pkw-Sparte für Januar bis September 2026 insgesamt 1.244.427 Fahrzeuge, nach 1.341.427 im Vorjahreszeitraum. In der gerundeten Darstellung entspricht das einem Minus von sieben Prozent. Es handelt sich um Mercedes-Benz Cars und nicht um eine gemeinsame Absatzsumme einschließlich der Transportersparte. Der Bericht verweist auf schwierige Marktbedingungen in China sowie Modellwechseleffekte. Wie viel des Rückgangs allein auf die Entwicklungsgeschwindigkeit von Wettbewerbern entfällt, wird damit nicht gemessen.

Für Käufer in Europa ergibt sich aus PLM.AI keine zugesicherte Preissenkung und auch kein früherer Termin für eine bestehende Bestellung. Das Ziel betrifft die Produktentwicklung vor der Markteinführung. Mercedes benennt in dieser Ankündigung weder das erste Fahrzeug, das den gesamten neuen Prozess durchlaufen wird, noch einen nach Ländern aufgeschlüsselten Verkaufsplan für die daraus entstehenden Produkte.

Illustration: Mercedes-Benz. Offizielles PLM.AI-Pressematerial zur redaktionellen Nutzung, in WebP umgewandelt.

Quellen