Der Polestar 4 verlagert die Einstellung mehrerer alltäglicher Funktionen auf den Zentralbildschirm. Fotoquelle: Polestar
Polestar 4 nach Monaten im Alltag: Die Reichweite überzeugt, digitale Bedienung erschwert den Betrieb
Ein Polestar 4 Long Range Dual Motor, den der britische Journalist Paul Horrell langfristig genutzt hat, kam bis August 2026 ohne größere Zwischenfälle durch die berichteten Fahrten und Ladevorgänge. Die Kritik gilt nicht dem elektrischen Antrieb, sondern der Art, wie einfache Bedienvorgänge auf Elektromotoren, Menüs und kontextbezogene Steuerungen verlagert wurden.
Im sechsten Bericht von Top Gear listet der Autor fünf Funktionen auf, die er für schwerer bedienbar hält als herkömmliche Lösungen: versenkbare Griffe, schlüsselloser Zugang ohne Tasten am Schlüssel, Spiegeleinstellung, der Videorückspiegel und über den Bildschirm gesteuerte Lüftungsdüsen.
Die Erfahrung gehört einem einzelnen Auto und einem einzelnen Fahrer, ist also keine Zuverlässigkeitsstudie. Sie ist jedoch relevant für Käufer, die wissen wollen, wie sich die Schnittstelle verhält, wenn die Neuheit der ersten Tage vergangen ist.
Reale Reichweite von rund 467 km
Das Testauto ist die Zweimotoren-Version mit 100-kWh-Batterie und Allradantrieb. Horrell sagt, er erreiche in seiner Nutzung etwa 467 km zwischen den Ladevorgängen und habe bisher keine fehlgeschlagene Ladesitzung erlebt.
Der berichtete Wert liegt unter der offiziellen WLTP-Reichweite von bis zu 590 km, was im realen Betrieb üblich ist. Temperatur, Geschwindigkeit, Strecke, Klimaanlage, Reifen und Fahrstil beeinflussen den Verbrauch. Der Bericht bietet kein kontrolliertes Protokoll, daher sind die 467 km als persönliche Erfahrung zu lesen, nicht als für jeden Halter garantierte Reichweite.
Polestar gibt für die Dual-Motor-Version eine Leistung von 400 kW (544 PS), ein Drehmoment von 686 Nm und eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,8 Sekunden an. Der vordere Motor kann abgekoppelt werden, wenn er nicht benötigt wird, um den Verbrauch zu senken.
| Offizielle Angabe | Polestar 4 Long Range Dual Motor |
|---|---|
| Batterie | 100 kWh, 400-V-Architektur |
| Leistung | 400 kW / 544 PS |
| Drehmoment | 686 Nm |
| WLTP-Reichweite | bis zu 590 km |
| DC-Laden | bis zu 200 kW |
| Laden 10–80 % | 30 Minuten unter optimalen Bedingungen |
| 0–100 km/h | 3,8 Sekunden |
1. Versenkbare Griffe reagieren nicht immer wie erwartet
Die Türgriffe fahren elektrisch aus der Karosserie, wenn sich der Fahrer nähert. In der geschilderten Erfahrung reagiert das System nicht jedes Mal, und eine Berührung der vorgesehenen Zone kann den Griff ausfahren. Eine zweite, versehentliche Berührung kann ihn genau dann wieder einziehen, wenn der Nutzer die Tür öffnen will.
Die Lage wird weniger intuitiv, wenn der Fahrer hält, um einen Beifahrer aufzunehmen. Die Türen müssen über die Bedienung an der Fahrertür entriegelt werden, damit die äußeren Griffe zugänglich sind. Ein konventioneller Griff würde diese Abfolge vermeiden, auch wenn er aerodynamisch weniger effizient wäre.
2. Der tastenlose Schlüssel löst einen verpassten Zugang nicht schnell
Der Polestar 4 soll sich automatisch entriegeln, wenn er den Schlüssel erkennt. Der Testautor sagt, die Funktion arbeite in den meisten Situationen, aber nicht immer. Das praktische Problem: Die Fernbedienung hat keine Tasten, die der Fahrer sofort drücken kann.
Alternativen sind die Karte am Pfosten oder die Smartphone-App. Die App erlaubt auch Fernzugriff und kann nützlich sein, wenn das Auto verliehen wird, setzt aber Einrichtung und Abhängigkeit vom Telefon voraus. Für einen Vorgang von wenigen Sekunden garantiert die Vielfalt digitaler Lösungen nicht unbedingt eine schnellere Lösung.
3. Die Spiegel werden über die Lenkradbedienelemente eingestellt
Polestar hat die physischen Tasten zur Einstellung der Außenspiegel entfernt. Der Fahrer muss ins passende Menü, die Funktion bestätigen, den linken oder rechten Spiegel wählen und dann die Richtungstasten am Lenkrad nutzen.
Der Vorgang ist nach dem Festlegen der Sitzposition nicht häufig, kehrt aber beim Parken oder wenn mehrere Personen dasselbe Auto nutzen zurück. Im Test erzeugt das automatische Absenken beider Spiegel im Rückwärtsgang eine zusätzliche Situation: Um nur den verkehrsseitigen Spiegel anzuheben, muss der Fahrer ins Menü zurück.
4. Die Rückkamera bietet nicht dieselbe Wahrnehmung wie ein Spiegel
Der Polestar 4 hat keine Heckscheibe. Anstelle eines konventionellen Innenspiegels gibt es einen Bildschirm mit Bildern einer hinten montierten Kamera. Die Lösung erhält die Sicht, auch wenn die Rückbank besetzt oder der Kofferraum bis oben beladen ist.
Horrell nennt jedoch drei Grenzen: Das Bild bietet keine binokulare Tiefenwahrnehmung, es kann durch direktes Licht beeinträchtigt werden, und die Augen müssen gegenüber dem Blick auf die Straße umfokussieren. Deshalb nutzt der Autor die Außenspiegel stärker als in einem Auto mit Heckscheibe.
Die Reaktion kann von Fahrer zu Fahrer variieren. Eine Probefahrt vor dem Kauf sollte Parken, Spurwechsel und Nachtfahrt umfassen, nicht nur eine kurze Fahrt im leichten Verkehr.
5. Die Luftstromrichtung wird am Bildschirm geändert
Die Lüftungsdüsen haben elektrische Mechanismen, die Richtung des Luftstroms wird durch Wischen auf dem Bildschirm eingestellt. Der Vorteil: Die Position kann im Fahrerprofil gespeichert werden, zusammen mit Sitz und Spiegeln.
Der Nachteil zeigt sich, wenn der Strom während der Fahrt korrigiert werden muss. Der Fahrer greift zum Bildschirm, verfolgt die Reaktion der Oberfläche und prüft dann, ob die Luft in die gewünschte Richtung kommt. Eine direkt betätigte Lamelle erlaubt denselben Wechsel ohne Menü und ohne visuelle Bestätigung.
Was der Test tatsächlich über den Polestar 4 sagt
Der Bericht schließt nicht, dass der Polestar 4 ein misslungenes Auto sei. Im Gegenteil: Der Autor betont, dass er das Fahrzeug insgesamt schätze und Reichweite sowie Laden seinen Bedarf decken. Unzufriedenheit gilt der Differenz zwischen der technischen Möglichkeit, eine Funktion zu automatisieren, und dem Nutzen dieser Automatisierung im Alltag.
Für Käufer ist die praktische Schlussfolgerung einfach: Batteriedaten und Leistung reichen nicht aus, um ein modernes Elektroauto zu bewerten. Griffe, Schlüssel, Sicht nach hinten, Spiegeleinstellung und Klimatisierung sollten bei einer Probefahrt wiederholt ausprobiert werden. Sie werden häufiger genutzt als die maximale Beschleunigung und können das tägliche Erlebnis über die gesamte Haltedauer prägen.



